Mit Kurt Idrizovic
Ein literarischer Spaziergang zu brechtigen Orten

Mit Kurt Idrizovic

Kurt Idrizovic ist nicht nur Buchhändler aus Leidenschaft, sondern auch Experte in Sachen Bertolt Brecht. Seit 1984 ist er Inhaber der Buchhandlung am Obstmarkt und des Brechtshops. Er nimmt euch mit auf einen literarischen Spaziergang zu ‚brechtigen‘ Orten in Augsburg.   


Bertold Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren und verbrachte die ersten zwanzig Jahre seines Lebens in der Fuggerstadt. Brecht gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts, seine literarischen Anfänge hat er in Augsburg gemacht. 

Das Brechthaus ist das Geburtshaus von Bertolt Brecht und befindet sich im Lechviertel, mitten in der Augsburger Altstadt. Das Geburtshaus liegt genau zwischen dem Hinteren Lech und dem Mittleren Lech. Die Stelle, an denen die Bäche sich vereinigen, finde ich besonders interessant. Die Kanäle fließen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und das Geburtshaus war damals eine Feilenhauerei, in der viel gehämmert und geklopft wurde. Diese Geräusche hörte Brecht schon im Mutterleib. Nicht wenige vermuten, dass die Wellen des Wassers, das Rauschen und Plätschern und der rythmische Lärm der Schlosserei nicht ohne Einfluss auf das sinnliche und lyrische Taktgefühl Brechts blieben.

Direkt gegenüber liegt Brecht Bistro – einer meiner liebsten Aufenthaltsorte. Diese Kneipe ist für mich ein beliebter Treffpunkt, ein Ort des Redens, des Begegnens und der Beschaulichkeit. Ein Stück Augsburg mit (Kleinkunst-)Programm, ganz im Geiste Brechts.

Brechts Geburtshaus liegt zwischen dem Hinteren Lech und dem Mittleren Lech.

Das Liliom war früher das Maschinenhaus zum großen Wasserturm.

Durch die verwinkelten Gassen der Altstadt gelangen wir zur Treppe am Mauerberg. Diese Stiege symbolisierte für Brecht immer einen Aufstieg. Hier hatte er seine Augsburger Jugendliebe Marie Rose Amann besungen, der er das bekannte Liebesgedicht „Erinnerung an die Marie A.“ von 1920 gewidmet hatte. Vom Mauerberg aus gelangt man über eine kleine Brücke zum Liliom, das früher das Maschinenhaus zum großen Wasserturm war. Als Brecht mit seiner Familie in eine Wohnung bei den Sieben Kindeln zog, kreuzten sich auch hier zwei Stadtkanäle und das Murmeln, Erzählen und Plaudern des Wassers des Wassers begleiteten ihn weiter.

Im Jahr 1900 zog Brecht mit seiner Familie in das Bleichviertel in der Jakobervorstadt. Diese Gegend, mit ihren Handwerkern, einfachen Leuten, Beamten und Angestellten hat ihn in seinen jungen Jahren stark geprägt. Hier war er ständig unterwegs und knüpfte Kontakte, auch mit den Damen im Rotlichtquartier, mit denen er sich über die Wa(h)re Liebe unterhielt. Er sog das Leben in den Gassen auf und machte mit seinen Freunden Musik. Ein weiterer wichtiger Ort für den jungen Brecht war die an Lech und Wertach liegende Wolfzahnau. Deshalb organisiere ich jedes Jahr einen literarisch-naturheilkundliche Streifzug in dieser Naturlandschaft, bei dem wir ‚brechtige‘ Lieder und Texte lesen und nach heilkräftigen Pflanzen zwischen Lech und Wertach suchen.

Am äußeren Stadtgraben endete die Jakobervorstadt und nur der Lech trennte die Stadt Augsburg von Lechhausen. Lechhausen gehörte bis 1913 noch zu Oberbayern und galt damals als Feindesland mit anderer Sprache und anderem Dialekt. Für Brecht stellte Lechhausen eine Art Zugang zu einer anderen Welt dar. Lechhausen, das Griesle und die Lechhauser Stauden waren für ihn das verzauberte Unbekannte und das Eingangstor zu einer fremden Welt.  

Ein verzauberter und romantischer Ort in Brechts früher Welt war auch die Kahnfahrt. Hier hatte er sich mit seinen damaligen Freundinnen getroffen. Außerdem entstanden an der Kahnfahrt seine frühen Werke aus den 20er Jahren. Diese Idylle blieb nicht ohne Einfluss auf sein romantisches Empfinden und seinen lyrischen Ausdruck und prägte ihn in seinem poetischen Leben stark. Auch ich persönlich finde, dass die Kahnfahrt im Sommer einer der schönsten Orte der Stadt ist. Hier sitze ich gerne mit Wein am Wasser und genieße das Leben.

„Freilich dreht das Rad sich immer weiter dass, was oben ist, nicht oben bleibt. Aber für das Wasser unten heißt das leider nur: Dass es das Rad halt ewig treibt.“
Die Ballade vom Wasserrad von Bertold Brecht

Die Kahnfahrt ist im Sommer einer der schönsten Orte der Stadt.

Brecht war nicht nur in Sachen Frauen ein emphatischer Mann, sondern verinnerlichte viele Augsburger Details und nahm diese in seine Dichtungen auf. Das Hier erlebt, die Liebe, Leben, Genuss und Natur findet man in seinen frühen Texten, Liedern, Gedichten und auch in seiner Prosa.

Seine zarten Liebesgedichte zeigen, wie feinfühlig und empfindsam der junge Brecht war. Auch politische Entwicklungen und das Leben mit einer Herzkrankheit haben sein Leben und sein Werk stark beeinflusst. Zu früh ist er dann mit 58 Jahren an seinem Herzfehler gestorben. Für mich ist Brecht einfach ein genialer Schriftsteller und Dichter.

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